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Forum für Klein- und Privatbahnen

Tegernseebahn 1979 - 1. Teil
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06.06.08 17:05
harfe 

Tegernseebahn 1979 - 1. Teil

Leider photografiere ich nicht - in der Jugend vielleicht mal ein paar Schnappschüsse - aber ich versuche mal, eine Zusammenfassung über ein paar Erlebnisse im Sommer 1979 zu geben.

Ich ging noch zur Schule, es waren Sommerferien - schon vorher überlegte ich, wie ich ein wenig Geld verdienen könnte, etwas "von der Welt sehen könnte" und ein wenig die aufkeimende Neugier auf das Transportmittel "Eisenbahn" stillen könnte.

Ich bewarb mich also bei verschiedenen Privatbahnen um einen Ferienjob - und wurde - relativ zügig - bei der Tegernseebahn AG angenommen. Natürlich mit dem Zug ging es dann von Bremen über München und Schaftlach nach Tegernsee, wo ich am späten Abend eintraf, beim Fahrdienstleiter meine Freifahrkarte und Dienstausweis erhielt (die habe ich übrigens im letzten Jahr im Aufräumwahn weggeworfen) und fuhr mit dem Bus der Kraftverkehrsabteilung der Tegernseebahn (übrigens ein Standard-Omnibus, fast wie in meiner Heimatstadt, aber mit Holzsitzen!!!! Ich erfuhr später, daß die Tegernseebahn bzw. der KVT einige Busse von den Münchener Verkehrsbetrieben nach dem Ende der olympischen Spiele 1972 erwarb) zur Jugendherberge nach Kreuth.

Hier stellte ich erst einmal fest, daß ich übersehen hatte, eigene Bettwäsche mitzubringen - vom mitgebrachten "Notgroschen" mußte ich mir also erst einmal Bettwäsche leihen - das fing ja gut an!
Trotzdem schlief ich ein in Erwartung der Erlebnisse, die mich ab dem folgenden Tag erwarten würden.

Früh stand ich auf, denn bei der Eisenbahn fängt man ja nun mal früh an - ich sollte mich um 07.30 h beim örtlichen Betriebsleiter der Tegernseebahn, Herrn Eichinger, vorstellen. Also wieder mit dem Bus nach Tegernsee über Weissach und Rottach fahren und hinein in die Höhle des Löwen.

Der öBl war ein netter älterer Herr, der mich erst einmal mit den Worten begrüßte "ach, Sie sind der junge Mann, der unsere Eisenbahn retten will!" (mit ein wenig Euphorie und Optimismus muß ich mich wohl beworben haben). Naja, das Eis war gebrochen, ich versicherte, daß ich Bremer und kein Preuße sei, und darum auch keine Bayern fressen würde. Das nahm man wohlwollend auf und erklärte mir, was man von mir erwarten würde:
- Mithilfe bei der Gepäckabfertigung (Ausgabe und Annahme von Reisegepäck)
- Mithilfe in der Güterabfertigung (die war praktischerweise, wie ich später erfuhr und erlebte identisch mit der Gepäckabfertigung - nur die Schalter, an denen die Reisenden und Frachtkunden abgefertigt wurden, waren unterschiedlich und auch mit verschiedenen Personalen besetzt)
- Mitfahrt auf den Zügen als Fahrladeschaffner und Helfer für den Zugführer (eigentlich die schönste Tätigkeit von allen - sollte man meinen)
- Mithilfe bei Säuberungs- und Ordnungstätigkeiten

Der erste Tag verging mit dem Kennenlernen der verschiedenen Mitarbeiter des Bahnhofs Tegernsee. Zunächst war das der Bahnhofsvorsteher, ein (damals) jüngerer Mann, der mir auch nicht unsympathisch war. Offensichtlich hatte er ein Herz für Jugendliche in der ausgehenden Pubertät, er empfahl mir eine ihm bekannte Gaststätte, wo ich jeden Mittag ein verbilligtes Stammessen einnehmen konnte - mein Stützpunkt für die nächsten Tage und Wochen.
Dann gab es noch jeweils einen Fahrdienstleiter in Früh - und Spätschicht, einen Fahrkartenverkäufer (ich glaube, auch in zwei Schichten), einen Frachtenrechner und Güterabfertiger sowie einen Mitarbeiter für den Gepäck- und Expressgutschalter.

Schließlich wurde ich zum Güterschuppen geschickt, der Domizil meiner nächsten Zeit werden sollte - hier war die Gepäckannahme und -ausgabe untergebracht sowie wurden hier Stückgüter angenommen und ausgegeben.
Das Ladegeschäft übernahmen die Rangierer des Bahnhofs Tegernsee (auch jeweils einer in Früh- und Spätschicht, wobei beide um die Mittagszeit 1 - 2 Stunden überlappenden Dienst hatten). Zusätzlich gab es noch einen älteren Mitarbeiter, der nicht mehr im Busfahrdienst eingesetzt werden konnte (irgendeine Krankheit hatte der) und somit Reisegepäck annahm, ausgab und im Zug verlud bzw. vom Zug abholte. Mit diesen Kollegen sollte ich zusammenarbeiten.

Insgesamt war ich zunächst von der großen Personalausstattung des Bahnhofes Tegernsee überrascht, kannte ich zwar aufgrund der beruflichen Tätigkeit meines Vaters ein wenig von der Eisenbahn (der war zwar bei der DB, aber auch an einer Güterabfertigung beschäftigt), wunderte mich aber trotzdem, wieviel dienstbare Geister so alles für die Eisenbahn schafften - deshalb nannten sich die Rangierer ja auch Schaffner!

06.06.08 17:06
harfe 

Re: Tegernseebahn 1979 - 1. Teil

Zunächst wurde ich für die Reisegepäckausgabe "fitgemacht" und erlernte das Ordnungssystem - die Koffer wurden numerisch in Fächer eingeordnet - und zwar sortiert nach den letzten vier Ziffern auf den Gepäckabschnitten - Doppelbelegungen wären zwar möglich, kamen aber, soweit ich mich erinnern kann - kaum vor.
Man sagte mir, daß der Ansturm der Abholer dann am Nachmittag kommen würde - und er kam:
kaum war der Zug im Bahnhof eingetroffen, bevölkerten Menschenmassen die Rampe vor unserem Ausgabetor des Güterschuppens zur Straßenseite hin. Jeder wollte der erste sein - meine beiden Kollegen stellten grummelnd fest, daß mal wieder überwiegend Preußen in ihr schönes Oberbayern gekommen wären. Aber nach einer halben Stunde Hektik, war auch diese Arbeit erledigt. Einer meiner Kollegen machte nun erst mal "Brotzeit" mit einer Flasche Bier, was mir seinerzeit ein wenig merkwürdig vorkam.
Nun war auch die Zeit gekommen, wo der tägliche Stückgutkurswagen nach München-Laim beladen, verschlossen und bezettelt werden mußte.
Da ich offensichtlich in den Augen meiner beiden Kollegen der "SChriftgelehrte" war, erhielt ich den Auftrag, unter strenger Begutachtung der beiden Berufseisenbahner, die Wagenzettel zu schreiben (eigentlich war es nur einer, aus Rationalisierungsgründen wurde Blaupapier verwendet, außerdem war der Abgangsbahnhof selbstverständlich schon gestempelt - ich mußte also nur den Bestimmungsbahnhof, das Versanddatum und die Richtzahl eintragen).
Der Wagen wurde mit den wenigen Stückgüter (unter anderem ein toter Fuchs in fester, blauer Plastiktüte an irgendein Labor in München) beladen, verschlossen, verplompt und Kollege Rangierer kuppelte ihn an die inzwischen erschienene Lok des nachmittäglichen "Güterzuges", der meistens nur aus dem einen Stückgutwaggon bestand, an.

Man sagte mir, das in Gmund a. Tegernsee das Güteraufkommen durch Wagenladungen erheblich größer wäre als in Tegernsee selbst, dafür wäre das Stückgut- und Gepäckaufkommen in Tegernsee größer. Später stellte ich selbst fest, daß in den gesamten drei Wochen, die ich bei der TAG verbrachte, nicht mehr als 6 Waggons allg. Wagenladungsgut eintrafen bzw. versandt wurden. Hierfür wurde jedoch montags - freitags ein Güterzugpaar gefahren!

Reisegepäck und Expressgut wurde in allen planmäßigen Zügen, außer dem am Morgen und am Abend verkehrenden Berufs- und Schülerzug, mitgegeben bzw. angebracht.
Um die Koffer und sonstigen Güter vom Zug abzuholen bzw. vom Schuppen zum Gepäckwagen des Zuges zu bringen, gab es einen riesigen, vierrädrigen Karren der am Ausgabetor an der Gleisseite des Güterschuppens stand. Seine Räder waren tief im Sand- oder Splitbelag des Untergrundes eingegraben, ich stellte es mir schwierig vor, diesen Wagen ohne Hilfe von mindestens einem Ochsenpaar überhaupt ein paar Zentimeter zu bewegen - schon gar nicht, wenn er voll beladen wäre.

Erst mit der Ankunft des nächsten Zuges erfuhr ich, wie es denn mit dem Gepäck ging: der ehemalige Busfahrer war auch ein rationell denkender Mensch und hatte einen alten VW-Bulli organisiert, die Ladefläche mit einem provisorischen Aufbau auf eine Ebene mit der Ladetür des Gepäckwagens (und der Rampenhöhe des Güterschuppens) gebracht und kutschierte nun mit diesem Gefährt bei Ankunft eines jeden Zuges zum Gepäckwagen und wir beiden luden das ankommende Reisegepäck aus dem Zug und brachten es in unseren Schuppen, um es sorgfältig anhand der Nummern in die Fächer zu sortieren. Ich habe übrigens noch heute den intensiven Benzingestank beim Anlassen des Bulli-Motors und während der Mitfahrt auf der Ladefläche des Unikums in der Nase - der ehemalige Busfahrer muß den Motor des Bullis irgendwie frisiert haben.... Normal war das nicht!

08.06.08 10:43
harfe 

Tegernseebahn 1979 - 2. Teil

Ich bin gestern bei der Einführung meines Ferienjobs bei der Tegernseebahn AG im Sommer 1979 stehengeblieben - mein erster Tag als Ferieneisenbahner endete damit, daß wir von einem ankommenden Personenzug Reisegepäck abholten und im Güterschuppen in den Kofferfächern einsortierten.

Als es Feierabend hieß, machte ich mich wieder mit dem KVT-Bus auf in die Jugendherberge nach Kreuth. Ich schlief auch recht gut, war ich doch das Kofferschleppen und die frische Bergluft (immerhin kam ich ja aus dem doch recht flachen Bremen) und die neuen Eindrücke nicht gewohnt.

Der nächste Tag begann wie üblich - aufstehen, Körperpflege und ohne Frühstück (in der Jugendherberge gab es erst ab 07.00 h Frühstück, ich mußte jedoch schon den Bus um 06.50 h ab Kreuth nehmen) ab nach Tegernsee. Der 2. Tag hatte schon eine Besonderheit am frühen Morgen - ich sollte mit der Lok und dem Zugführer nach Schaftlach fahren.

Zur Erinnerung: meine Tätigkeitsfelder waren ausschließlich Hilfsarbeiten - also Augen und Ohren auf (insbesondere der fremdländische, oberbayerische Dialekt war sehr schwer zu verstehen!!!!!) und arbeiten. Die Tegernseebahn setzte seinerzeit 2 Diesellok ein, die V 65-12, eine ältere, vierachsige Stangen-V 60 von MaK im schönen blau sowie eine neuere Drehgestell-Lok mit ca. 1000 PS, ebenfalls von MaK - geliefert als Leihlok zur Erprobung bei der TAG. Diese Lok war im nicht so ästhetischen aber zeittypischen Orange lackiert. Die ursprünglich auch mal vorhandene V 65-11, eine der V 65-12 ähnliche Lok, jedoch ohne Sichthutzen vor den Führerstandsfenstern, war im Sommer 1979 schon nicht mehr vorhanden sondern soll bei MaK in Zahlung gegeben worden sein. Die beiden V 65 hatten einen Dampfheizkessel zur Zugheizung - die Leih-Mak-Lok sah keine Zugheizung vor. Da jedoch in den Wagenumläufen der DB (die TAG-eigenen Wagen - 3-achsig - wurden nur im Binnenverkehr für Berufs- und Schülerzüge zwischen Schaftlach und Tegernsee einsetzt) nurmehr Wagen mit elektr. Zugheizung eingesetzt werden sollten, weil sie ja auch von den Loks der BR 218 bespannt wurden, mußte die TAG handeln: im Naturalausgleich zu den Kilometerleistungen der DB-Kurswagen auf dem TAG-Netz setzte die TAG 2 oder 3 schöne, blaue B4yg-Wagen ein, die auf die DB übergingen und dort im Regionalverkehr bis nach München oder (wie ich hörte) sogar bis nach Landshut eingesetzt wurden. Die elektr. Zugheizung sollte zur kalten Jahreszeit des Jahres 1979 auf der TAG-Strecke mit einem Heizwagen vorgenommen werden, der in der eigenen Werkstatt entstand. Auf einem alten Wagengestell wurde ein formschöner und ansprechender Aufbau, der an einen Motorvorbau einer V 100 erinnerte, montiert, im TAG-typischen blau (mit Zierstreifen??? - ich erinnere mich leider nicht mehr) lackiert, im Inneren verrichtete ein Heizgenerator seine Arbeit. Dieser Heizwagen lief immer am kurzen Vorbau der neueren MaK-Lok - zu meiner Zeit desöfteren als Testlauf - mit. Gesteuert und überwacht wurde der Generator von der Lok aus, hierfür waren STeckdosen und Leitungen zwischen Lok und Heizwagen vorgesehen, auf die Lok wurde desweiteren ein Überwachungs- und Regelungsgerät eingebaut. Auch auf der V 65-12 waren diese Einrichtungen vorhanden, sodaß von beiden Loks aus der Heizgeneratorwagen gesteuert werden konnte - im Bedarfsfall konnte also auch - bei Ausfall der elektr. Heizung durch Defekt des Generatorwagens - der Personenzug mit Dampf aus der V 65-12 geheizt werden - eigentlich klug überlegt von den Maschinesen der TAG! Solche Ersatzsysteme werden eigentlich heute viel zu selten überlegt und vorgehalten.....

Aber ich schweife ab - wir waren ja bei der Lokmitfahrt von Tegernsee nach Schaftlach am frühen Morgen - meinem zweiten Arbeitstag bei der TAG. Es ging also los mit 3 Mann auf der Lok - der Lokführer, der Zugführer und ich. In Gmund stieg dann noch der Rangierer des Bahnhofes Gmund zu und wir fuhren gen Schaftlach. Dort stiegen 3 Mann ab und enterten den im Bfsgebäude befindlichen Dienstraum des DB-Fahrdienstleiters - die Lok und der Lokführer verschwanden auf einem Stumpfgleis auf der Holzkirchener Seite des Bahnhofs Schaftlach.
Das Stellwerk in Schaftlach war seinerzeit eine moderne Anlage der Dr-Technik, eigentlich unüblich - kannte ich aus Bremen doch noch selbst im Hbf die E-43-Technik, im Rbf ebenso und auf Stellwerken im Norden Bremens noch mechanische Stellwerkstechnik.
Ursache dieser für die oberbayerische Provinz doch revolutionären Technik war ein fürchterliches Unglück, welches sich einige Zeit vorher (2 oder 3 Jahre zurückliegend - ich erinnere mich jedoch nicht) zwischen Warngau und Schaftlach ereignete. Aufgrund fehlerhafter Zugmeldung und mangels Steckenblock stießen auf der eingleisigen Strecke 2 gut besetzte Personenzüge zusammen, wobei auch etliche Menschenleben zu beklagen waren. Der Name Warngau hat für mich deshalb auch heute noch einen unschönen Beigeschmack.

08.06.08 10:46
harfe 

Re: Tegernseebahn 1979 - 2. Teil

Wir drei waren also nun beim Fahrdienstleiter in Schaftlach - meine beiden Begleiter unterhielten sich in ihrer eigenen Sprache mit dem DB-Kollegen, auf mein Fragen, wie lange wir denn nun Zeit hätten vernahm ich nur ein "der kimmt no nit", was ich als "wir haben noch Zeit" auffaßte. Ich machte mich also nun auf die Suche nach etwas Essbaren, da es ja nun mittlerweile kurz nach acht Uhr am Morgen war und ich noch kein Frühstück genossen hatte. Das Schöne an Bahnhöfen in Bayern ist, daß es dort immer eine Wirtschaft mit Kiosk gibt - damals zumindestens, aber wenn ich meine Kollegen heute so höre, scheint das noch immer zu stimmen. Ich kaufte mir also eine Brezel und eine Tüte Kakao und schlenderte zurück zum Fahrdienstleiter.
In der Zwischenzeit war in Schaftlach eine Vt98-Garnitur aus Lenggries mit Ziel Rosenheim über Holzkirchen eingetroffen, die die Kreuzung mit dem Gegenzug abwartete.
Die Zugbesatzung dieses 3-Wagen-Zuges - Schaffner und Zugführer - , der Triebwagenführer blieb natürlich auf seinem Platz, bevölkerte nun auch das Stellwerk, welches jedoch sehr aufnahmefähig war. Aufmal surrte es auf der Stelltafel - "mein" Zugführer stellte fest "do kimmt er ja" und drückte - wie selbstverständlich - ein paar Knöpfe auf dem Stelltisch des DB-Stellwerkes. Der DB-Fahrdienstleiter diskutierte derweil weiter mit den Kollegen vom Triebwagen.

Und tatsächlich: auf der Holzkirchener Seite sah ich die markante Erscheinung einer Diesellok BR 218 mit angehängtem Zug den Bahnhof Schaftlach erreichen. Nun hub eine große Geschäftigkeit an: man erklärte mir, daß die in Fahrtrichtung des Zuges letzten 4 oder 5 Wagen für uns bestimmt seien - es sei der Leerpark für den E/D 1617 (falls mich nicht alles täuscht) von Tegernsee nach Dortmund. Es müsse alles wie am Schnürchen klappen - die Wagen trennen - Bremsprobe und dann ab nach Tegernsee. Fahrgäste waren nur wenige an Bord. Die Wagen waren, anders als die sonst üblichen, D-Zug-Seitengangwagen - Gattung Bm und Am oder ABm.
Meine Aufgabe war nun gekommen: vom Zugführer erhielt ich eine große EDS-Tüte, die vollgepfropft war mit weißen Pappkärtchen mit Computeraufschrift. Ich sollte die Reservierungsschilder für den Rückzug von Tegernsee in Richtung Dortmund in die dafür bestimmten Schilderhalter der einzelnen Abteile stecken. Der Zugführer machte um diese Aufgabe ein relativ großes Brimborium - offenbar konnte man in seiner kleinen Welt da sehr viel falsch machen - für mich war die Sache klar: die einzelnen Packen mit den Schildern waren vorbildlich sortiert nach Wagen- und Platz-Nr., die Schilder für jeden einzelnen Wagen einzeln gebündelt - da konnte eigentlich nichts schief gehen. In Tegernsee hatte ich für diese Aufgabe auch schon einen eigenen DB-Vierkantschlüssel erhalten, damit ich die Schilderhalter öffnen konnte - ich fühlte mich fast wie ein richtiger Eisenbahner. Ich fing an, nach kurzer Zeit fuhr unser Zug dann auch ab und in Gmund war ich mit meiner Zettelaktion fertig - der Zugführer mochte seinen Augen nicht trauen oder zweifelte an mir und kontrollierte meine Arbeit, fand aber keine Mängel. Ein wenig verstört bat mich der gute Mann dann bei Ankunft in Tegernsee, ich könnte mir ruhig ein wenig mehr Zeit lassen und meine wichtige Arbeit "sorgfältiger" ausführen.....

08.06.08 10:47
harfe 

Re: Tegernseebahn 1979 - 2. Teil

In Tegernsee angekommen warteten schon viele Fahrgäste auf dem Bahnsteig - es war ja der durchgehende Zug in's Ruhrgebiet, der in Schaftlach wieder mit einem Flügelzug aus Lenggries vereinigt wurde. Ich glaube, daß in München auch noch ein paar Kurswagen angehängt wurden und der Zug so gen Dortmund fuhr. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, ob auch Reisegepäck mit diesem Zug befördert wurde. Na ja, die Lok wurde in Tegernsee, mittlerweile vom Tegernseer Rangierer, der aus Gmund war ja in Gmund wieder abgestiegen (noch heute frage ich mich, was der Mann wohl den ganzen Tag in Gmund zu rangieren hatte - die Lok kam ja immer aus Tegernsee - aber vielleicht mußte der Mann ja auch Weichen schmieren, Stückgut annehmen und ausgeben und sich um das Gmunder Reisegepäck kümmern - was weiß ich, Gmund war eine eigene Diensstelle und die Gmunder und Tegernseer Eisenbahner hatten sich - so stellte ich zumindestens nach einigen Tagen fest - nicht viel zu sagen), abgehängt, umfuhr den Zug kuppelte am Schaftlacher Ende wieder an. Bremsprobe und nach kurzer Aufenthaltszeit fuhr also der Zug wieder gen Schaftlach und weiter "nach Deutschland". Ich meine, daß meine Kollegen diesen Zug auch den "Preussenzug" genannt haben, beschwören möchte ich das aber nicht.

Nach dieser, beinahe großstädtischen, Bahnhofsszene kehrte erst einmal wieder Ruhe ein und es wurde gebrotzeitet.
Wir waren in Tegernsee wieder unter uns - der Rangierer, der ehemalige Busfahrer und ich. Bis das Telefon schellte und man einige, mir unverständliche, Worte wechselte: ich sollte mal eben zum Bahnhofsvorsteher kommen - es würde Arbeit auf mich zukommen (meine beiden Kollegen grinsten....).
Beim Bahnhofsvorsteher erfuhr ich, daß zu meinen Aufgaben auch die Reinigung der beiden B3yg-Wagen gehörte, die morgens und abends den Berufszug bzw. SChülerzug nach und von Schaftlach ausmachten. Diese standen tagsüber am Kopfende des Bahnhofs Tegernsee am Prellbock.
Naja - warum nicht? Also machte ich mich mit Besen, Handfeger, Kehrblech und Mülleimer auf zu den Wagen. Erste Schwierigkeit: wie kriege ich die Wagen auf? Mein mir ausgehändigter Vierkante war ein wenig zu dick, leider paßte er nicht in die (engeren) Schlösser der Wagentüren (dafür aber in die Schlösser der Reservierungsschilder - es ist eben doch nicht alles einheitlich bei der Bahn). Also zurück zum Vorsteher mit Werkzeug und Meldung erstattet: Reinigung kann mangels geeignetem Schlüssel nicht ausgeführt werden. Erstaunen im Antlitz des Vorstehers, Vergleichen seines und meines Vierkantschlüssels und Feststellen der Unmaßigkeit meines Schlüssels war das Werk einiger Minuten: mein Schlüssel war nicht normgerecht und mußte in der Werkstatt des Bw abgedreht werden - so entschied mein Vorgesetzter. Aber er war ein kluger Mann - die innere Wagenreinigung mußte nicht ausfallen, er lieh mir seinen Vierkant - also wieder zurück mit Werkzeug und Ausrüstung zu den Wagen, aufschließen und feststellen Zweite Schwierigkeit: die Wagen waren von innen so verdreckt, daß ich mit den mir zur Verfügung gestellten Werkzeugen (Handfeger, Besen und Kehrschaufel) nicht viel ausrichten konnte - also zurück zum Vorsteher und Meldung.

08.06.08 12:39
harfe 

Tegernseebahn 1979 - 3. Teil

Wo waren wir stehengeblieben, ach ja - die Wagenreinigung. Also, Innenreinigung aufgrund massiver Verschmutzung der Wagen mit den mir gegebenen Möglichkeiten nicht durchführbar. Der von mir hinzugerufene Bahnhofsvorsteher (irgendwie hatte der aber auch immer Dienst) entschied: hier kannst Du (sprich ich) mit den Dir zur Verfügung gestellten Werkzeugen nicht viel ausrichten, es muß eine Naßreinigung vorgenommen werden. Dazu wäre aber jetzt keine Zeit, daß der nächste Zug (der Gegenzug des "berühmten" 1617 aus Dortmund) bald einrollen würde und meine Hilfe dort benötigt werden würde. Ich sollte die beiden B3yg-Wagen zunächst nur notdürftig reinigen - sprich: Aschenbecher leeren, Zeitungen aufsammeln etc. (wobei - verglichen mit heutigen Zuständen - die Wagen noch relativ human aussahen...)

Offenbar war die Wagenreinigung bei allen Mitarbeitern der TAG nicht sehr beliebt, als ich meinen beiden Kollegen im Güterschuppen (die machten gerade Pause - aber das beachtete ich damals noch nicht so - ich war ja froh, daß ich was tun konnte und bildete mir etwas darauf ein, gebraucht zu werden) von meinen Erlebnissen mit der Wagenreinigung berichtete, waren die nicht sehr erstaunt. Als ich Ihnen jedoch auch mitteilte, daß ich den Vorsteher hinzugezogen hätte und dieser auf spätere Naßreinigung bestehen würde, guckten die beiden sehr betreten. Erst zum Ende meines Aufenthaltes erfuhr ich, warum: die beiden nahmen es mit der täglichen Reinigung der Wagen nicht so genau und waren darum froh, das sie diese unbeliebte Aufgabe nun an mich loswerden konnten. Das ich allerdings so weit gehen würde, den Vorsteher (also meinen direkten und - soweit mir bekannt - einzigen Vorgesetzten) zu konsultieren, darauf waren die beiden nicht gekommen. Nun mußten sie, so entnahm ich ihren Worten, die schwere Last der Naßreinigung auf sich nehmen - ich sollte derweil den Güterschuppen bewachen - was ich auch tat (die anderen beiden hatten ja schon Pause gemacht).

So vergingen die Tage mit Reisegepäck ausladen, einsortieren, ausgeben, annehmen und verladen, Stückgut bezetteln und verladen und ausladen und ausgeben sowie Waggons bezetteln. Highlights der Tage war natürlich die morgendliche Ausfahrt Lz nach Schaftlach, die Reservierungszettel in die Halter stecken und mit wichtiger Miene durch den Zug gehen zu dürfen.

Nochwas zu den Mitarbeitern der TAG: alle Mitarbeiter im Zugdienst waren mit korrekter Uniform ausgestattet und trugen diese auch. Auch die Mitarbeiter an den Schaltern und die Fahrdienstleiter trugen die typischen Privatbahnuniformen bzw. hellblaue Hemden (es war ja Sommer) mit Halbarm und ohne Schlips. Die Fahrdienstleiter in Gmund und Tegernsee trugen, wie konnte es anders sein, die berühmte rote Mütze.
Es herrschte seinerzeit noch Zugmeldebetrieb, sodaß in Gmund aufgrund der fehlenden Ausfahrsignale der Fahrdienstleiter den Zug mit Befehlsstab abfertigte. Auch in Tegernsee wurde der Befehlsstab trotz vorhandener Ausfahrsignale benutzt. Betriebsfunk oder Zugleitfunk war seinerzeit noch unbekannt.

An eine Besonderheit erinnere ich mich noch gerne: wenn wir im Güterschuppen wissen wollten, ob denn nun ein Zug pünktlich käme, schauten die anderen beiden immer nach, ob der Fahrdienstleiter die Einfahrt schon "gezogen" hätte. Sie schauten dazu immer in die Schaftlacher Richtung und wußten dann Bescheid. Auch ich wollte natürlich wissen, ob die Einfahrt für den kommenden Zug schon gezogen sei, guckte nach, strengte mich an und konnte bei aller Konzentration der Welt, die ich damals aufbringen konnte, das Einfahrsignal von Tegernsee von meinem Standpunkt aus auf der Güterrampe des Bf Tegernsee nicht entdecken.
Die Hebelstellungen im Freiluftstellwerk von Tegernsee auf dem Bahnsteig verrieten mir auch nichts, da nur der obere Teil der Wetterschutzwände verglast war und somit von dort keine Auskunft über den Stand der Seilzüge zu erfahren war. Außerdem schauten meine beiden Kollegen ja auch immer in die andere Richtung - wie um alles in der Welt konnten die erkennen, ob Einfahrt gezogen war oder nicht?
Nun, man möchte sich ja auch keine Blöße geben, also fragte ich nicht - erst sehr viel später verstand ich das Zusammenspiel der im Bf Tegernsee aufgestellten Sh-Signale mit den Einfahrsignalen....

Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten, außer, daß an einem Tag auch die alte TAG Lok 7 (es war ein Sonntag) für einen Museumszug der damaligen DGEG angeheizt wurde - eine wirklich formschöne Maschine. Der Zug war auch gut besetzt und ich hatte einen freien Tag und konnte mitfahren - es verwunderten mit bloß die alten bayerischen (hellblauen) Uniformen der am Zug tätigen Museumsbahner - so etwas war ich aus meiner norddeutschen Heimat ja nicht gewohnt - hier dominierte das Preußischblau!

08.06.08 12:40
harfe 

Re: Tegernseebahn 1979 - 3. Teil

Die Frage des Verdienstes meiner Tätigkeit wurde noch gestellt - ja, Geld habe ich auch verdient: ich glaube, in der ersten Woche meiner Tätigkeit, die ja mehr dem Anlernen diente waren es 6,- DM/Stunde, ab der zweiten Woche sollten dann 7,- DM/Stunde verdient werden. Für damalige Verhältnisse war das fürstlich - ich konnte also gut meine Jugendherberge bezahlen und täglich ein warmes Mittagessen im Stammgasthof bestreiten.
Fahrkosten brauchte ich ja nicht zu bezahlen, da ich Freifahrt in den Verkehrsmitteln der TAG hatte. Die Fahrt von Bremen nach Tegernsee und wieder zurück fiel nicht in's Gewicht, da ich durch die Tätigkeit meines Vaters bei der DB selbstverständlich auch Freifahrt hatte.
An zwei Tagen während meines Aufenthaltes in Tegernsee verdiente ich sogar 8,- DM / Stunde, und das kam so:

Die TAG hatte selbstverständlich auch eine eigene Bahnmeisterei zur Unterhaltung der eigenen Strecke (heute sagt man Infrastruktur). Der Chef dieser Truppe war ein würdiger älterer Herr, der immer mit einer sehr vagabundenhaften Uniform herumlief: Eisenbahndienstjacke, schwarze Hose (trotz Sommer) kein Schlips, dafür aber ein rotes Halstuch zum rotkarierten Hemd. Dieser Bahnmeister entdeckte eines Tages meine Anwesenheit im Bahnhof Tegernsee und meinte, anspielend auf meine Körpergröße (damals schon über 190 cm), daß ich der richtige Partner für ihn wäre - er war ungefähr gleich groß wie ich. Ich verstand zwar nicht so richtig, was er von mir wollte, aber er überredete meinen Chef, den Bahnhofsvorsteher, daß er mit mir die nächsten beiden Tage mit dem Rottenkraftwagen auf Strecke fahren wollte, um alte Schwellen einzusammeln. Irgendwie war wohl niemand in seiner Truppe vorhanden oder im Urlaub, und diese Arbeit mußte wohl dringend gemacht werden.

Also fuhren wir mit dem Skl und Anhänger auf die Strecke zwischen Tegernsee und St. Quirin und die Schufterei nahm seinen Lauf: jetzt wußte ich auch, warum ich der richtige Partner für den Bahnmeister war: die Schwellen lagen am Bahndamm unten, mußten von uns aufgehoben und nach oben zum Anhänger getragen werden und auf diesen Verladen werden - ohne technische Hilfsmittel! Der Rangierer vom Bf. Tegernsee, den wir für diese Tätigkeit auch mitnahmen, war mindestens einen Kopf kleiner als ich, zwar kräftiger, aber für diese Arbeit nicht so geschaffen, da es besser war, wenn man die Schwellen zu zweit auf einer Höhe trug. Die Schwellen waren mordsschwer (obwohl sie alt und abgängig waren) - nach den zwei Tagen waren meine Arme mindestens 10 cm länger geworden! Wir haben alle Schwellen aufgenommen und im Bf Tegernsee wieder abgeladen und dies sogar unter Ersparnis eines Arbeitstages - der BAhnmeister hatte für diese Arbeiten ursprünglich 3 Tage angesetzt.
Offensichtlich war der Mann mit meiner Arbeit zufrieden, gab mir Leberkäs und Brezel und eine Flasche Limo aus, sprach beim Bahnhofsvorsteher vor um zu erreichen, daß ich für "anständige Arbeit auch einen anständigen Lohn wie die anderen auch" erhalten sollte und seitdem waren wir Freunde.

Naja, irgendwann ging auch die Zeit in Tegernsee zu Ende, ich mußte wieder zur Schule und reiste aus Tegernsee als "reicher Mann" ab.

Eine schöne Zeit, an die ich mich noch heute gerne erinnere.

Übrigens: ich hatte mich seinerzeit bei zwei Bahnen um einen Ferienjob beworben: bei der damaligen NVAG, die leider ablehnten, und bei der TAG, die mich annahmen.

26.07.08 19:47
Christian 

Moderator

Re: Tegernseebahn 1979 - 3. Teil

Zur Illustration Deines schönen Beitrags einige Bilder, die ich 1978 auf der TAG etwas stümperhaft aufgenommen habe:





Die MAK-Lok mit einem sehr überschaubaren Güterzug







Lok 7 beim Umsetzten
_______________

Viele Grüße,

Christian

27.07.08 13:25
harfe 

Re: Tegernseebahn 1979 - 3. Teil

Ja, Danke Christian,

schöne Bilder, die die Situation bei der TAG gut illustrieren. Güterverkehr mau, Personenverkehr in der Saison (aber auch im Winter) gewaltig.

Das zweite Dampflokbild zeigt übrigens links das Bahnwohnhaus der TAG, in dem viele Bedienstete der TAG wohnten.
Interessant wäre ja mal ein Kontrast, wie es heute dort aussieht.
Auch noch die alte Stellwerkstechnik?
Es tut mir selber leid, daß ich seit 1979 in diesen Winkel der Republik nicht zurückgekehrt bin!

Allen noch einen schönen Sonntag und beste Grüße
Volker

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