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Forum für Klein- und Privatbahnen

Frankfurt-Königssteiner Eisenbahn - Teil 1 "Mit dem Esslinger ins Verderben"
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24.09.08 20:20
SebastianB 
Frankfurt-Königssteiner Eisenbahn - Teil 1 "Mit dem Esslinger ins Verderben"

Hallo zusammen!

Nachdem Volker hier schon so tolle Erlebnisse aus der längst versunkenen Güterbodenherrlichkeit deutscher Privatbahnen erzählt hat, will ich auch mal was zum Besten geben. Alles nicht aus meiner Feder, aber viel zu spannend um ungelesen zu bleiben...

Aus Platzgründen wird auch hier auf mehrere Beiträge aufgeteilt.

Im ersten Teil wird die romantische Kleinbahnherrlichkeit mal aus der Fahrschülerperspektive beleuchtet. Speziell die Freunde der Esslinger Triebwagen kommen dabei auf ihre Kosten!!!

Gruß
Sebastian

Kleinbahn-Haltestelle Kelkheim-Hornau: Es ist Montag Morgen, 7:15 Uhr. Der Regen prasselt unaufhörlich auf die wartenden Menschen, in der Hauptsache Schüler, die mit der Kleinbahn zum Ort des Schreckens fahren müssen. Der aus Sand und Erde aufgeschüttete Bahnsteig hat sich mittlerweile in eine undefinierbare Schlammwüste verwandelt. Die Leute stehen missmutig im Schlamm und im Regen herum und sehnen die Einfahrt des Zuges herbei, um endlich ins Trockene zu kommen. Bahnsteigüberdachungen der ähnliches gibt es natürlich nicht, lediglich ein kleines Bretterkabuff als Unterstand ist vorhanden. Eigentlich müsste der Zug jetzt kommen, doch ist man von der Kleinbahn ja einiges gewohnt, vor allem, dass sie in der Regel nie pünktlich ist. Es besteht also fast kein Grund zu klagen oder sich gar Gedanken zu machen, zu spät in die Schule zu kommen, ein Gedanke, der die notorischen Streber immer wieder plagt, aber selbst die sind noch ruhig. Sie sind die üblichen 5 bis 10 Minuten Verspätung ja gewohnt und sie wissen, dass sie auch dann noch allemal pünktlich ankommen, denn die Schule beginnt ja erst um 7:45 Uhr, die Fahrzeit nach Königstein beträgt außerdem nur gute 10 Minuten. Allerdings trägt das Sauwetter nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben. Das bereits angesprochene Kabuff ist voll mit denjenigen, die zwar zu faul waren, ihre Hausaufgaben zu machen, aber die Mühe nicht scheuen, diese morgens im Kabuff oder in der Kleinbahn vom Klassenkameraden abzuschreiben. Glückliche Welt, denn sie bekommen heute Morgen noch ausreichend Gelegenheit, den vielleicht fälligen "Schimpfebrief" ihres Lehrers an die Eltern noch um einen Tag hinauszuzögern. Alles in allem ist die Stimmung aber noch recht gut.

Mittlerweile ist es schon 7:25 Uhr und die notorischen Raucher haben bereits die dritte Zigarette weggeschmissen. Langsam aber sicher macht sich Unmut breit, denn der beständige Regen bahnt sich zunehmend seinen Weg durch die Jacken und auch um die Wasserdichtigkeit der Schuhe ist es nach einer viertel Stunde Stehen im Schlamm nicht mehr zum Besten bestellt. Wohl denen, die an diesem Tag ihre Gummistiefel ausgegraben haben. Unmutsäußerungen, wie: "Immer wenn es pisst kommt diese verdammte Kleinbahn nicht bei" oder "Jeden Tag der gleiche Scheiß mit dieser elenden Bimmelbahn" sind immer öfters zu hören. Plötzlich beginnt, als sicheres Indiz für das baldige Eintreffen des Zuges, der "hochmoderne", halbautomatische Bahnübergang wie wild zu bimmeln und zu blinken. Ein gewisses Aufatmen geht durch die Runde und die Ersten machen sich schon bereit das gleichermaßen geliebte und gehasste Gefährt zu entern, um so noch einige der wenigen freigebliebenen Plätze zu ergattern. Der erfahrene Kleinbahnpassagier kennt genau die Zeitspanne zwischen dem einsetzenden Bimmeln der Blinklichtanlagen, dem anschwellenden Gerumpel aus Richtung Kelkheim und dem Auftauchen des roten Triebwagens aus der Kurve am Hühnerberg. Doch diesmal rumpelt nichts, und die in Richtung Kelkheim gerichteten Blicke können beim besten Willen keinen Triebwagen erkennen, so sehr sie die Kurve auch fixieren. Was ist denn heute bloß los? Sämtliche Kleinbahnstandards sind über den Haufen geworfen! Das gab es noch nie; wenn es bimmelte, kam immer der Zug! Ratlosigkeit macht sich breit auf dem Bahnsteig, einige stecken sich eine neue Zigarette an, andere machen sich - unter lautem Fluchen - schon wieder auf den Heimweg. Mittlerweile hat der Schaltkasten, mit dem der Bahnübergang deaktiviert werden muss, (das High-Tech-Zeitalter hat noch nicht Einzug gehalten) ob der Arbeitszeitüberschreitung der "Bahnübergangssicherungsanlagen" (wie es so schön heißt) begonnen zu rappeln. Der Kasten rappelt weiter und weiter aber nichts tut sich.

Plötzlich kommt der "Bahnhofswächter" von Hornau, ein verschrobenes, leicht cholerisches Männchen, angerannt, steckt einen Schlüssel in den rappelnden Schaltkasten, dreht in um, und schon verstummt das nervtötende Geschepper und auch die Blinklichtanlage stellt ihren Dienst nach kurzer Zeit ein. Ungläubige Blicke und lautes Fluchen beherrschen nun das Szenario und erste Aggressionen machen sich breit. Das merkt auch unser Bahnhofswächter und macht sich schleunigst aus dem Staub, allerdings nicht ohne vorher seiner Informationspflicht den wartenden Passagieren gegenüber nachgekommen zu sein. Irgend etwas von: "Deschnische Defeggde", "Färht nemmer" und "Kommd abber noch" ist zu erfahren. Flüche wie: "Du und deine scheiß Kleinbahn", "Wann kommt denn die Rappelkiste endlich?!" sowie Kraftausdrücke jeglicher Art begleiten unseren armen Bahnhofswächter auf seinem Spießrutenlauf zurück in die warme und trockene Dienststube. "Der hat's gut, der muss wenigstens nicht bei diesem Sauwetter in dieser elenden Pampe auf diesem Dreckhaufen von Bahnsteig stehen und auf diesen Seelenverkäufer von Zug warten!" lautet der Kommentar eines Zeitgenossen, und er hat damit den Nerv seiner zahlreichen Leidensgenossen getroffen. Die Töne werden zunehmend schriller, und schon müssen sich die ohnehin schon kräftig lädierten, verbeulten und verbogenen Bahnsteiglampen, Mülleimer, Sitzgelegenheiten usw. kräftigen Fußtritten erwehren, als ca. gegen 8:10 Uhr sich die Blinklichter und Bimmeln wieder zu Wort melden.

24.09.08 20:22
SebastianB 
Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 1

So viel des Guten verträgt der gemeine Kleinbahnpassagier allerdings nicht. Erste Steine werden geschleudert, mit der Absicht, den nicht mehr taufrischen und unmotiviert vor sich hinbimmelnden und scheppernden "Bahnübergangssicherungsanlagen" den sofortigen Exitus zu bescheren. Auch der Bahnhofswächter bekommt sein Fett weg: "Komm raus oder wir holen dich!" schallt es über den Bahnsteig. Der eigentlich so gemütlich Haltepunkt der Kleinbahn in Kelkheim-Hornau scheint in Revolte, Aufstand, Anarchie und Chaos zu versinken. Selbst die nun arbeitslos gewordenen Hausaufgabenabschreiber stimmen in den gewaltigen Volksaufstand mit ein, nur die Streber und Jammerlappen stehen schon lange abseits und wimmern nach ihrer Mami. Den Deaktivierungskasten des Bahnüberganges, der nun auch wieder zu rappeln begonnen hat, hat soeben ein Stein getroffen, nun rappelt er in einer anderen Tonlage weiter. Abstellen tut ihn heute so schnell keiner mehr, schon gar nicht der Bahnhofswächter, der sich allem Anschein nach in seiner Stube verbarrikadiert hat.

Es wäre wohl zu einer größeren Polizeiaktion mit Sondereinsatzkommando und was weiß ich noch gekommen, wenn nicht völlig unerwartet die beige-rote Front des längst überfälligen Kleinbahntriebwagens aufgetaucht wäre. 65 Tonnen Stahl, Holz, Blech und Kunststoff wälzen sich den Berg hinauf, wild röhrend und mit dunklen Rauchfahnen über dem Dach. "Der Zug kommt!", brüllt einer über den Bahnsteig und schon ist die Revolution beendet. Hastig werden die Schulranzen zusammengeklaubt, ein letzter Stein fliegt noch in Richtung Blinklichtanlage, verfehlt sie aber knapp. Schon ist die geschundene Triebwagengarnitur bei der Einfahrt. Maschinenfabrik Esslingen, Baujahr 1959, das wissen die Experten. Ächzend und ratternd kommt der Zug, der aus zwei Motorwagen und einem Beiwagen besteht, zum Halten. Zitternd und in allen Fugen krachend und knackend, knisternd und scheppernd steht es da das Objekt der Begierde. Der neutrale Betrachter fragt sich bei diesem Anblick, warum um alles in der Welt die anarchistische Schülermeute wegen so einem jämmerlichen Haufen Schrott den Aufstand geprobt hat. Zahllose durchnässte und dreckverschmierte Schüler stürmen jetzt den überfüllten Karren. Und wieder Hektik und Chaos, bis endlich alle drin sind. Türen zu, und los geht es.

Vier Motoren heulen auf, nach zwei, drei kurzen, trockenen Schlägen vom Getriebe setzt sich die Fuhre mit einem gewaltigen Ruck in Bewegung. Erster Gang, die Maschinen werden bis zur Drehzahlgrenze hochgejagt, bis es im Gebälk der Pleuelstangen und Ventilschäfte kracht, dann folgt - etwa auf Höhe der Brücke über die Lessingstraße - der erste Schaltvorgang. Ein ohrenbetäubendes Krachen, gefolgt von einem lauten Donnerschlag durchzuckt den waidwunden Wagen, dessen morsche Innenverkleidungen sich tapfer gegen den drohenden Zusammenbruch stemmen. Ein weiterer Schlag, der die Nieten des Stahlrahmens erbeben lässt, folgt - und der Gang ist drin. Der Zug hat mittlerweile fast alle Fahrt verloren und ohne Schwung geht es weiter. Die Maschinen versuchen mit zu wenig Drehzahl und zu wenig Leistung gegen das drohende Stillstandsgespenst anzukämpfen. Ein brodelnder Hexenkessel aus insgesamt 24 Zylindern, der unter tiefem Donnergrollen seinen Unwillen zur Arbeit kundtut, scheint unter den Füßen der Passagiere schier zu explodieren. Der ganze Wagenaufbau bebt und unter ohrenbetäubenden Lärm stemmen die vier Deutz-Dieselmotoren mit je 300 PS Nominalleistung alle ihre Gewalt auf die Kurbelwellen. Die tote Mechanik, die per Knopfdruck, mittels Glühkerzen und Einspritzpumpen zum Leben erweckt wird, scheint sich mit aller Macht gegen den mechanischen Exitus zu wehren, allerdings erscheint dieses Unterfangen schier aussichtslos. Doch der Triebwagenführer, gedrückt von der Last des Fahrplanes, zeigt kein Erbarmen mit der gequälten Mechanik. Unaufhörlich schickt er weitere Ladungen von komprimiertem Dieselöl unter vollem Druck in die Brennkammern der Maschinen, und der unbedingte Wille siegt. Langsam aber stetig steigt die Drehzahl der Motoren und der Zug gewinnt langsam an Fahrt. Ein weiterer Schaltvorgang findet allerdings nicht statt. Die Angst des Wagenführers vor der Auflösung des Zahnradgefüges der ZF-Halbautomatikgetriebe in Metallspäne ist offensichtlich zu groß. Zudem würden wahrscheinlich auch die Motoren den fast blockierenden Getrieben nicht mehr das nötige Drehmoment zufügen können, wie es für ein zügiges Fortkommen nötig wäre. Die Geschwindigkeit stagniert bei ca. 30-35 km/h. Die Motoren arbeiten an ihrer Lastgrenze bei voller Drehzahl gegen die mahlenden Getriebe, gegen das Zuggewicht und gegen den Berg an. Sie trompeten eine gewaltige Ouvertüre des mechanischen Abgesangs durch die Auspuffrohre, die sich im Hornauer Wald vom Fortissimo zum wilden Crescendo steigert, tiefschwarze Rauchwolken unterstreichen optisch diese Symphonie des Zerfalls. Die Technik wankt, doch sie fällt nicht. Der Trauerzug befindet sich mittlerweile mitten im Hornauer Wald etwa auf halber Strecke zwischen Hornau und Schneidhain. Interessant ist auch das Verhalten der Fahrgäste. Anfangs in Hornau war noch ein großes Hallo im Zug, vor allem als der Schaffner, der Rudi, auftauchte: "Rudi Rudi rallala", "Ausziehen", "Pfuuii" und ein allgemeines Gegröle und Gejohle war die Reaktion. Mittlerweile sind die Krakeeler fast verstummt, was auch daran liegen mag, dass man in diesem Getöse sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Der Triebwagen dröhnt und kracht aus allen Fugen, er vibriert in allen Teilen und das Fauchen der Maschinen tötet jedes gesprochene Wort. Jeder im Zug hat mittlerweile ein etwas mulmiges Gefühl und hofft, einigermaßen heil am Zielbahnhof anzukommen. Denn bei strömenden Regen im Wald liegen zu bleiben, damit kann und will sich keiner anfreunden.

24.09.08 20:23
SebastianB 
Re: Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 1

Es grenzt fast an ein Wunder, der Zug fährt, er fährt immer weiter, mittlerweile hat er den Wald verlassen und befindet sich auf der langen Geraden kurz vor Schneidhain auf freiem Feld. Langsam geht es dahin, die Geschwindigkeit ist etwas abgesackt, aber wacker und unter wüstem Getöse hält sich die Fuhre einigermaßen in Schwung. "Gleich sind wir in Schneidhain!", brüllt einer gegen den infernalischen Lärm an. Verplemperte Energie, denn das weiß nun wirklich jeder im Zug und es interessiert keinen. Die bange Frage ist die: Kommt die Kiste in Schneidhain wieder in Fahrt? Gleich werden wir es wissen. Quietschend, rumpelnd, polternd, schlingernd, heulend und dröhnend legt sich der Zug in die letzte Rechtskurve direkt am Ortsrand von Schneidhain. Kurz darauf ist ein Bahnübergang erreicht und mit einem Mal erstirbt die exzessive Lärmorgie. Der Wagenführer hat das Gas weggenommen und die Getriebe ausgekuppelt. Die geplagten Motoren drehen jetzt im Leerlauf und die Erholung von den Strapazen der letzten 12 Minuten kann man regelrecht hören. Ihr ausgeglichenes Leerlaufbrummen ist auch eine Wohltat für die Gehörgänge der Passagiere.

Nur wenige Leute steigen in Schneidhain zu, und kurz darauf beginnt der zweite Akt dieser Apokalypse. Wieder gelingt es nur unter größten Anstrengungen, den Zug mehr schlecht als recht in Fahrt zu bringen. Die Vibrationen werden immer stärker, das ganze Gefährt erinnert von außen mehr an einen Dampftriebwagen, der mit feuchtem Torf befeuert wird, als an einen dieselmotorbetriebenen Wagen. In der sogenannten Schwimmbadkurve wird das allerletzte aus Maschinen und Getrieben herausgeholt, um den letzten, starken Anstieg nach Königstein zu schaffen. Immer ohrenbetäubender wird der Lärm, die Getriebe singen jetzt endgültig das Lied vom Tod und die Maschinenanlagen beginnen sich die Kurbelwellen zu verbiegen. Der gesamte Wagenkasten ist nun ein einziger Resonanzkörper - aber es ist fast vollbracht. Der Anstieg ist mit ca. 15-20 km/h überwunden worden, eine letzte Linkskurve, ein Stück geradeaus, das von den Kleinbahnern selbst gebastelte Lichtsignal "Königstein Einfahrt" zeigt "freie Fahrt" und endlich ist der Bahnübergang zum Greifen nah. Rechts voraus liegt die Endstation der Kleinbahn, der Bahnhof Königstein!

Mit letzter Kraft schleppt sich der schwer angeschlagene Personenzug in den Bahnhof, rumpelt über die Einfahrtsweiche und dann ist die Tortur für Mensch und Maschine endlich vorbei. Kaum ist der Zug zum Stillstand gekommen, werden die Motoren abgeschaltet, der Aufschrei der altersschwachen Technik verstummt mit einem Male. Leises Zischen einiger undichter Leitungen der Druckluftanlage, das Knacken und Knistern der sich abkühlenden Motoren und Getriebe, der Geruch nach zu heißem Öl, das Wabern von Hitze aus den Motorentlüftungen, leichte "Restrauchwölkchen" aus den Auspuffrohren, das ist es, was die Szene jetzt geradezu gespenstisch beherrscht. Es ist vorbei, wir haben es geschafft! Ein kurzer Blick zurück. Was ist geblieben? Ein leichtes Summen auf den Ohren.

Jeden Museumsbahner, der in den Anfangsjahren des Marktverkehrs mitgewirkt hat, kann das alles natürlich nicht schocken...

25.09.08 07:39
Kirsten 

Re: Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 1

Hallo Sebastian!
Sehr schöne Geschichte , gibt es mehr davon?? Ich war zwar nicht in den Anfängen des Marktverkehrs dabei, aber die eine oder andere turbulente Fahrt habe ich auch schon erlebt. lg
Kirsten

25.09.08 15:28
SebastianB 
Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 2 "Kleinbahnschaffner"

Hallo,

nun noch mehr von der FKE. Die folgenden Beiträge handeln von den Betriebsbediensteten der Bahn. Der Legende nach waren die Kleinbahner ja ganz tolle, heimatverbundene, flexible und einfallsreiche Zeitgenossen. Mal sehen...

Sicherheitshalber ein Disclaimer, frei nach Heinrich Böll:

Ähnlichkeiten mit real existierenden Betriebsbediensteten sind weder beabsichtigt noch zufällig sondern unvermeidlich.

Meint jedenfalls und grüßt euch herzlich
Sebastian


Der allergrößte Spaßfaktor der Kleinbahn waren die Schaffner. Sie waren allesamt Originale, von vergleichsweise geringer Intelligenz und sie machten einen großen Teil der persönlichen Identifikation mit der Kleinbahn aus. Die Schaffner der ehemaligen Kleinbahn können klassifiziert werden, sozusagen in Kategorien eingeordnet werden. Meines Erachtens gab es folgende Kategorien:

Die Wichtigen

Diese Kategorie zeichneten die Schaffner aus, die ihren Dienst immer ernst nahmen, also Beamte durch und durch. Diese Typen waren hundertprozentig der Auffassung, daß ihr Dienst der wichtigste von allen war. Sie waren sozusagen ständig bestrebt, ihrer (eingebildeten) hohen Autorität gerecht zu werden. Das manifestierte sich oftmals im ständigen Kontrollieren der Fahrkarten und dem dauernden Kontrollieren, ob die Türen auch richtig geschlossen waren. Weiterhin nervten die wichtigen Schaffner dadurch, daß sie nach jeder Station zu einer Runde im Zug aufbrachen und niemals müde wurden, nicht nur quer durch die Abteile zu brüllen, ob denn noch jemand ein "Faahkättsche" brauche, sondern sich die selbe im Anschluß auch noch von jedem Fahrgast zeigen zu lassen. Da konnte es durchaus vorkommen, daß man seine Fahrkarte mehrmals vorzeigen mußte, im Maximalfall 7 mal und das in innerhalb von etwa 25 Minuten! Diese Menschen waren ohne ihre Uniform nur die Hälfte wert, zumindest bildeten sie sich das ein. Man kann es auch anders sagen: diese Schaffner waren der felsenfesten Überzeugung, sie wären mit ihrer Uniform mindestens das doppelte wert. In Wahrheit waren diese Schwachköpfe natürlich überhaupt nichts wert, sei es nun mit Uniform oder ohne.

Die Möchtegern-Coolen

Eine weitere Kategorie, man kann auch sagen die Hauptkategorie der Schaffner waren die Coolen. Erkennbar waren sie immer am imitierten John Wayne-Gang, dem lässigen Sitz der Schaffnerskappe auf dem Wasserkopf, dem ständigen Herumfuchteln von irgendwelchen Gegenständen (Fahrkartenknipszangen, Schaffnerskellen, Schlüsselbund usw.) und dem schlechten Sitz der Uniform. Hemd aus der Hose, schief hängender Schlips, Schaffnerskappe auf halb acht oder Mantaletten zur Uniform konnte man als ein Markenzeichen betrachten. Diese Schaffner versuchten sich wie gesagt immer möglichst lässig zu geben und mit "coolen" Sprüchen und dem häufigen Benutzen von Kraftausdrücken aller Art auf sich aufmerksam zu machen, um damit vor allem bei der weiblichen Kundschaft Eindruck zu schinden. Leider blieb es noch nicht mal diesen geistig minderbemittelten Idioten verborgen, daß sie sich damit lächerlich machten. Sie waren ganz einfach nur Schaffner, ein Umstand der in der Regel niemanden dazu veranlaßt, solchen Personen auch nur den Anflug von Respekt entgegenzubringen. Gesteigert werden konnte der traurige menschliche Aggregatzustand "Schaffner" nur durch die Zusatzbezeichnung "Kleinbahnschaffner". Das führte bei unseren Möchtegern-Coolen immer häufiger zum ausschweifenden Genuß von allen Arten Alkoholika. Nur so ließ sich der Frust ertragen, den ihnen die Gewißheit schuf, daß ihre Arbeit auch von jedem mittelmäßig begabten Hauptschüler der 8. Klasse als Ferienjob gemacht werden konnte. Die gelegentlichen Alkoholattacken führten auch zu einer gewissen Lasseiz-Faire-Einstellung ihrer Tätigkeit gegenüber, so daß diese Schaffner ihre Pflichten nicht immer so bierernst nahmen und auch die Fahrkarten nicht kontrollierten, wie seinerzeit irgendwelche kaderkommunistischen ostzonalen Grenzer die Reisepässe der Bundesdeutschen. Die "Coolen" erlaubten sogar manchmal das kostenlose Mitfahren in der Kleinbahn! Das steigerte ihrer Meinung nach das Ansehen unter der jugendlichen Klientel. Immerhin konnten die "coolen" Schaffner den Vorteil für sich verbuchen, daß man über sie lachen konnte, während man die "Wichtigen" nur zum Teufel wünschen konnte, denn sie gingen einem permanent auf die Nerven.

Die Fertigen

Die Kategorie "die Fertigen" ist eine logische Weiterentwicklung der Kategorie "die Coolen", sozusagen das Endstadium, welches ein Kleinbahnschaffner erreichen konnte. Deswegen waren die Fertigen auch immer Personen im gesetzteren Alter. Wie oben schon erwähnt, sorgte der geringer Rest von Intelligenz, den die "Coolen" noch besaßen, dafür, daß sie sich irgendwann im Laufen von vielen Jahren der Armseligkeit ihres Jobs und Ihrer Existent bewußt wurden und der jugendliche Elan verflog, was dann in aller Regel zum übermäßigen Alkoholgenuß führte. Bei einigen der betroffenen Personen stellte sich dann auch eine regelrechte "Scheißegal-Mentalität" ein. Das bedeutete dann eine völlig desolate Einstellung zum Dienst. Es kam dann des Öfteren vor, daß einige "Fertige" besoffen zum Dienst erschienen. Diese Typen schlurften immer mit einem reichlich verblödeten Gesichtsausdruck in der Gegend herum oder hockten auf einer Sitzbank im Zug und glotzten mit stierem Blick aus dem Fenster oder schliefen einfach ein. Dadurch wurde der geistige und auch körperliche Zerfall eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Bei den "Wichtigen" war das anders. Die waren so strohdumm, daß sie geistig gar nicht in der Lage waren, sich ihrer armsehligen Existenz bewußt zu werden. Dadurch stellte sich gar nicht erst so etwas wie Frust bei Ihnen ein .Über die armen Menschen, die der Kategorie "die Fertigen" zugeordnet werden mußten, konnten sogar wir nicht mehr lachen, die waren einfach nur zu bemitleiden.

25.09.08 15:30
SebastianB 
Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 3 "Rudi 1, der Fahrdienstleiter"

Der Rudi war der eigentliche Inbegriff, der Prototyp, das Referenzmodell eines Kleinbahnschaffners. Dumm wie ein Bohnenstroh, versoffen wie ein Loch, aber cool ohne Ende und er rauchte wie ein Misthaufen. Wie der Rudi richtig heißt, das weiß eigentlich keiner. Wie auch immer, früher war er war halt der Rudi, und der Rudi fiel durch markige Sprüche wie z. B. "Mach jaa kaan Fehleä, es könnt dein letzter sein", "Setz disch anständisch hin oder isch tret dir in de Aasch", "Wenns dir net passt, kannst ja zu Fuß laufe." immer wieder "angenehm" auf. Auch seine Auftritte als Fahrdienstleiter des Bahnhofs Königstein und der damit verbundene Konsum von gewissen Frustbekämpfungsmittelchen (Schnaps) sorgten immer wieder für Furore.

Der Klassiker der Rudi-Ausfälle war folgender: Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien, irgendwann in den späten Achtzigern. Die ganze Schülermeute wurde gleichzeitig aus der Schule rausgelassen und prügelte sich ein paar Minuten später um die wenigen Plätze im bereitstehenden Triebwagenzug, bestehend aus Motor- und Steuerwagen, natürlich zu wenig, wie immer zu solchen Anlässen. Wir hatten uns die guten, weil leiseren Plätze im Steuerwagen ergattert und zwar in Fahrtrichtung rechts, also mit Ausblick auf den Bahnsteig. Da es bereits sehr heiß war, hingen wir alle zum Fenster raus, um im überfüllten Abteil nicht zu ersticken, denn zum üblichen Kleinbahnmief gesellten sich noch allerlei menschliche Ausdünstungen der ekligen Art. Als dann die Abfahrtszeit gekommen war, erwartete jeder das übliche Ritual der Ausfahrtsvorbereitungen aus Bahnhof Königstein.

Normalerweise kam der Rudi aus seinem Kabuff, den roten Wichtigkeitsverstärker (Fahrdienstleiterkappe) auf dem Kopf, die Schaffnerskelle lässig um den Finger baumelnd. Er steckte dann den Schlüssel in den Schaltkasten für den Bahnübergang, drehte ihn um, so dass der Bahnübergang vorm Bahnhof in Gang gesetzt wurde. Danach wurde noch die gesicherte Ausfahrtweiche gestellt, kurz mit der Schaffnerskelle gefuchtelt, und los konnte es gehen. Normalerweise war dies der Ablauf.

Normalerweise, denn an diesem Tag kam es anders. Erst einmal passierte gar nichts, dann wieder nichts und dann noch mal nichts. Es war fast 5 nach 11, bereits 3 Minuten über der regulären Abfahrtszeitzeit. Dann kam er raus. Das heißt, er wankte raus. Es war kaum zu glauben, aber der Kerl war völlig besoffen, voll wie ein Eimer, nicht mehr fähig, geradeaus zu gehen. Und das Ganze um kurz nach 11 Uhr! Die Kappe saß im Genick, das Hemd hing aus der Hose, aber die Schaffnerskelle baumelte lässig um den Finger. Zuerst versuchte er den Bahnübergang einzuschalten. Schlüssel ins Schlüsselloch, einmal umgedreht und fertig ... Was sich so einfach anhört und auch so einfach ist, stellte für den Rudi an diesem Tag ein fast unlösbares Problem dar. Er torkelte vor dem Schaltkasten herum, und versuchte krampfhaft den Schlüssel ins Loch zu bekommen. Leider stocherte er immer daneben, selbst ausgiebiges Anpeilen und überraschendes Zustoßen beeindruckte das Schlüsselloch nicht. Er saß immer an der falschen Stelle. "Dess iss dochne vadammpde Schaaise hieä, leckmischsch doch am Aaasch hieä, schaaais Glainbaan, dreggs Schlüsssl, verschissner" und zu den grölenden Leuten im Zug: "Halld jaa daa Maaaul da drübbe, sonnssd gibbdddes was uff die Fress!" oder "Lachnedd so blööd, kannsd misch maa am Aaasch leggn!"

25.09.08 15:31
SebastianB 
Re: Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 3 "Rudi 1"

Mittlerweile hatte er auch seine schicke Fahrdienstleiterkappe verloren und war schon ein paar Mal darauf herumgetrampelt, bis er es merkte. Er hat sie dann aufgehoben, was noch recht gut geklappt hat und sich das zertrampelte, verbeulte Ding falsch herum auf den Kopf gesetzt. Er sah jetzt aus wie das besoffene Kasperle. "Soo ne Schaaise, deen schaaiss Deggl beider Hitzz da, Missdd!!" war sein Kommentar. Und zum Triebwagenführer, der sich vor Lachen kringelte, lallte er: "Kannsd jaa schon mal faahn, wennss dieä ned schnell genuch geehn dud, du Aaasch" . Dann ging das Gestochere weiter. Endlich schaffte er es, den Schlüssel in die richtige Position zu bringen: "Hähähähä!!! Fuddkabudd!!!". Danach fiel ihm ein, dass die Ausfahrtweiche noch nicht in der richtigen Position war: "Schaaaisdreck, die Weisch mussisch ja noch umleiere!". Er stolperte zurück in sein Kabuff. Da drinnen schepperte und polterte es erst mal ausgiebig, wahrscheinlich hatte er seine Schnapsflasche runtergeschmissen oder sonstigen Krempel vom Tisch geräumt. Dann dauerte es noch mal ein wenig, bis ein Bimmeln akustisch vernehmen ließ, dass die Weiche gestellt war. Vielleicht ist er auch über den Stuhl geflogen oder was weiß ich, denn als er wieder raus gefallen kam, sah er noch ein wenig lädierter aus, als vorher. Jetzt sollte man meinen, dass er wenigstens, den Befehl zur Abfahrt noch einigermaßen zivilisiert auf die Reihe kriegen sollte.

Aber nichts da. Um die Dramatik seines Auftritts zu verdeutlichen, wankte er ein Stückchen über den Bahnsteig und versuchte die Schaffnerskelle in gewohnter Manier lässig und cool um den Finger wirbeln zu lassen, worauf sie natürlich in hohem Bogen davonflog. Der besoffene Trottel raffte das erst gar nicht, dann aber doch. Er glotzte blöde auf seinem Finger und lallte dann: "Wooissn jedsd dess schaaais Dreggding hin?!" Dann hatte er die Kelle gefunden, torkelte hin und versuchte sie aufzuheben. Das gestaltete sich diesmal aber als schwieriges Unterfangen. Er torkelte ein paar mal um die Kelle herum, bückte sich dann worauf ihm die zertrampelte Kappe wieder vom Schädel fiel. Die Reaktion: "Schaaais Deggl, verdampder!" Ein zielsicherer Tritt und die amtliche Kopfbedeckung flog von dannen, danach fielen ihm die Zigaretten und die Kaugummis aus der Brusttasche vom Hemd aber endlich hatte er die Kelle gegriffen. Schnell sammelte er noch die Überreste der plattgetrampelten "Roth Händle ohne Filter" zusammen und stopfte sie wieder in seinen Hemdtasche. Schließlich wankte er mit der Schaffnerskelle in der Hand und einer abgeknickten Roth Händle im Mund zum Triebwagenführer, ohne es zu versäumen, schwachsinnig grinsend, nochmals einen lachenden Fahrgast anzupöbeln: "Glodss neddsoo blööd du Aaasch!" Als er dann endlich mit der Kelle im festen Griff beim Wagenführer angekommen war, fuchtelte er etwas behindert damit in der Gegend rum und lallte dann: "Jedsd kannsde abfaahn, du Droddl!" Gang rein, Gas gegeben, und weg waren wir - mit guten zehn Minuten Verspätung.

Herrlich, nicht wahr? Man mag so etwas kaum glauben, aber diese Geschichte stimmt tatsächlich. Der Rudi war schon eines der größten Originale der Kleinbahn, er passt da genau hin. Natürlich war er nicht immer besoffen im Dienst, das war wirklich die Ausnahme. Er war es denn auch, der öfters mal fragte: "Willste mal mit nach Höchst fahrn?" Das war für den jugendlichen Eisenbahnfans natürlich ein besonders willkommenes Leckerli.

25.09.08 19:05
harfe 

Re: Frankfurt-Knigssteiner Eisenbahn - Teil 3 "Rudi 1, der Fahrdienstleiter"

Mensch Sebastian,

da hast Du ja wirklich eine Anekdote widergegeben!
Schön - "am-Boden-liegend-vor-lauter-Lachen"!

Ich hoffe, daß Du Deinen "Autoritätsverstärker" immer in Ehren halten wirst

Gruß aus Bremen

25.09.08 20:25
SebastianB 
Re: Frankfurt-Königssteiner Eisenbahn - Teil 3 "Rudi 1, der Fahrdienstleiter"

Hallo Volker,

habe leider (zum Glück) keinen eigenen Autoritätsverstärker sondern muss immer den nehmen, der in der Zugleitung am Haken hängt - und mir auch nicht wirklich passt. Sieht also eher lächerlich aus denn autoritär...

Gruß aus Bremen nach Bremen!

Sebastian

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